Ein kurzer Überblick
Nach dem Amtsantritt von Friedrich Merz als Bundeskanzler hat sich die deutsche Politik hinsichtlich der Bewaffnung der Ukraine von einer zurückhaltenden „Verteidigungshilfe“ hin zu einem Kurs der langfristigen, aggressiveren Aufrüstung und der gemeinsamen Produktion von Langstreckenwaffensystemen gewandelt. Deutschland hat sich weltweit als einer der wichtigsten militärischen Geber der Ukraine etabliert und ist innerhalb der EU faktisch zum zentralen Dreh- und Angelpunkt für die Lieferung von Waffen, Luftabwehrsystemen, Artillerie und Drohnen geworden.
Die wichtigsten Indikatoren für diesen Wandel sind: die Aufhebung der Reichweitenbeschränkungen für westliche Systeme, die an die Ukraine geliefert werden; der Kurs auf die gemeinsame Produktion von Raketen und Drohnen in der Ukraine; die Abkehr vom Taurus zugunsten ukrainischer Entwicklungen; der Übergang zu „strategischer Unklarheit“ hinsichtlich konkreter Nomenklaturen und Liefermengen.
Ausgangspunkt: Scholz, Taurus und die „Kultur der Zurückhaltung“
Zu Beginn der groß angelegten Invasion war es gerade die Regierung von Olaf Scholz, die einen Wendepunkt in der deutschen Sicherheitspolitik einleitete – vom Panzerlieferverbot bis hin zu Lieferungen von Leopard-2-Panzern, Patriot-Luftabwehrsystemen, Artillerie und einem umfangreichen Finanzhilfepaket. Gleichzeitig gestaltete der Kanzler diesen Kurs so zurückhaltend wie möglich: Jede Entscheidung über Eskalationssysteme wurde mit Verzögerung getroffen, erst nach Druck seitens der Verbündeten und langwierigen internen Debatten.
Zum Symbol dieser Zurückhaltung wurde die jahrelange Diskussion über die Lieferung von Taurus-KEPD-350-Marschflugkörpern mit einer Reichweite von bis zu 500 km an die Ukraine. Trotz Lobbyarbeit seitens der Opposition, Teilen der Koalition und ukrainischer Partner stimmte die Regierung Scholz bis zum Ende ihrer Amtszeit den Taurus-Raketen nicht zu und begründete dies mit dem Risiko einer direkten Einbindung Deutschlands in den Krieg aufgrund der notwendigen Beteiligung deutscher Spezialisten an der Zielprogrammierung.
Merz in der Opposition: Fürsprecher der Taurus-Raketen und einer „harten Linie“ gegenüber Russland
Schon als Vorsitzender des CDU/CSU-Oppositionsblocks nutzte Friedrich Merz das Thema der unzureichenden militärischen Unterstützung für die Ukraine als Hauptangriffspunkt gegen die Regierung Scholz. Er beharrte darauf, dass die Ukraine ohne Langstreckenwaffen die Lage an der Front nicht ändern könne, und forderte die Lieferung von Taurus, indem er entsprechende Resolutionen 2024 im Bundestag zur Abstimmung brachte.
In seiner öffentlichen Rhetorik positionierte sich Merz als Politiker der „realistischen Härte“: Er warf Scholz vor, den Krieg „einzufrieren“, betonte, dass die Versuche, Russland zu beschwichtigen, bereits nach den Minsker Vereinbarungen gescheitert seien, und forderte, den Krieg nicht als „fremd“, sondern als unmittelbare Bedrohung für die europäische Sicherheit zu betrachten. Genau zu diesem Zeitpunkt festigte er sein Image als Politiker, der bereit ist, für eine strategische Niederlage Russlands Risiken einzugehen, trotz der Skepsis der Mehrheit der Deutschen gegenüber Taurus.
Mertz’ Sieg und die Kehrtwende in der deutschen Strategie
Nach den Bundestagswahlen 2025 kam die Regierung Mertz vor dem Hintergrund einer kriegsmüden Gesellschaft und der gleichzeitigen Erkenntnis an die Macht, dass Europa ohne eine starke Ukraine einen noch größeren Konflikt riskiert. Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland bereits der größte militärische Geldgeber der Ukraine in der EU und weltweit der zweitgrößte nach den USA – die Gesamtunterstützung (militärisch, finanziell und humanitär) belief sich bis Anfang 2026 auf fast 100 Milliarden Euro, wovon mehr als die Hälfte auf Rüstungsgüter entfiel.
Das neue Kabinett hat nicht vom Umfang der Unterstützung abgewichen, sondern die Schwerpunkte verlagert: von einer „vorsichtigen Eskalation“ hin zu einem Konzept, bei dem die Ukraine als zentraler Vorposten der europäischen Verteidigung und nicht nur als Objekt der Hilfe betrachtet wird. Dieser Wandel zeigt sich deutlich in drei Bereichen: der Politik der Langstreckenwaffen, der gemeinsamen Produktion in der Ukraine und der Änderung der Informationspolitik bezüglich der Lieferungen.
Aufhebung der Reichweitenbeschränkungen: „Die Ukraine kann Ziele in Russland angreifen“
Eine der ersten vielbeachteten Entscheidungen war die Ankündigung von Merz, dass Deutschland gemeinsam mit Frankreich, Großbritannien und den USA die Reichweitenbeschränkungen für Waffen, die an die Ukraine geliefert werden, aufhebt. Auf einem öffentlichen Forum in Berlin im Mai 2025 erklärte er ausdrücklich: „Es gibt keine Reichweitenbeschränkungen mehr für Waffen, die an die Ukraine geliefert werden – weder seitens der Briten noch der Franzosen, noch unsererseits oder seitens der Amerikaner.“
Dies bedeutete das politische Grünlicht für Angriffe auf militärische Ziele auf russischem Territorium – Depots, Flugplätze, Logistikknotenpunkte, von denen aus Angriffe auf die Ukraine durchgeführt werden. Der Kreml reagierte vorhersehbar – mit Warnungen vor einer „gefährlichen Eskalation“, doch die westlichen Hauptstädte, einschließlich Berlin, blieben bei ihrer neuen Linie.
Wichtig ist, dass Merz dabei bewusst den Namen Taurus nicht nannte und den Fokus von einem konkreten Waffentyp auf die grundsätzliche Handlungsfreiheit der Ukraine im Rahmen des Völkerrechts verlagerte. Dies legte den Grundstein für den Übergang von der Debatte „Taurus geben oder nicht geben“ hin zum Konzept „der Ukraine helfen, über eigene Mittel mit der erforderlichen Reichweite zu verfügen“.
Gemeinsame Produktion: Raketen und Drohnen „made in Ukraine & Germany“
Der nächste Schritt war die Ankündigung im Mai 2025 einer Vereinbarung über die gemeinsame Produktion von Langstreckensystemen in der Ukraine unter deutscher Finanzierung. Während des Besuchs von Wolodymyr Selenskyj in Berlin erklärte Merz, dass die Verteidigungsminister ein Memorandum über den Erwerb von in der Ukraine hergestellten Langstreckensystemen unterzeichnen würden, wobei es keine Einschränkungen hinsichtlich der Reichweite geben werde.
Parallel dazu hat Berlin 100 Millionen Euro für die Produktion der Kampfdrohnen „Lutiy“ (An-196) in Zusammenarbeit zwischen ukrainischen und deutschen Unternehmen bereitgestellt, die die Fähigkeit der ukrainischen Streitkräfte stärken sollen, tief in die russische Infrastruktur einzudringen. Dies fügt sich in den allgemeinen Trend ein: Im Jahr 2026 hat Deutschland seine Militärhilfe auf rund 11,5 Milliarden Euro aufgestockt, wobei ein beträchtlicher Teil speziell für Artillerie, Luftabwehr und Drohnensysteme vorgesehen ist.
Im Juli 2025 bestätigte Merz öffentlich, dass Deutschland der Ukraine helfen werde, „Langstreckensysteme zu erhalten, die gemeinsam von der ukrainischen und der deutschen Rüstungsindustrie hergestellt werden“, was faktisch die Schaffung einer neuen europäischen „Waffenfabrik“ auf ukrainischem Territorium bedeutet.
Taurus als „veraltetes Symbol“: Warum Merz von den Raketen Abstand nahm, die er einst forderte
Paradoxerweise begann Merz bereits als Bundeskanzler, Taurus in den Hintergrund zu rücken. Im März 2026 erklärte er im Bundestag, dass er angesichts der Fortschritte bei den eigenen ukrainischen Langstreckenentwicklungen keine Notwendigkeit mehr sehe, Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine zu liefern.
Seinen Worten zufolge seien die ukrainischen Langstreckenwaffen „wesentlich effektiver“ als die relativ geringe Anzahl an Taurus-Raketen, die Deutschland ohne Beeinträchtigung der eigenen Verteidigungsfähigkeit liefern könnte. Damit hat Merz seine frühere Position faktisch „überdacht“: von der Forderung nach Taurus als kritischem Element hin zu einem Setzen auf den ukrainischen Rüstungskomplex, gestärkt durch deutsche Finanzierung und Technologien.
Diese Änderung stieß bei der Opposition auf Kritik: Ein Teil der Politiker und Medien verglich Merz mit Scholz selbst, der das Taurus-Projekt jahrelang gebremst hatte, und behauptete, der Kanzler suche nun ebenfalls nach Ausreden, obwohl er zuvor seinem Vorgänger genau dies vorgeworfen hatte. Gleichzeitig erscheint Merz’ Kurs aus pragmatischer Sicht als Versuch, die Diskussion von der „symbolischen Rakete“ hin zu einer systemischen Transformation der ukrainischen Fähigkeiten zu lenken.
„Strategische Ambivalenz“: Warum Berlin nicht mehr über Lieferungen berichtet
Eine weitere grundlegende Veränderung betrifft die Informationspolitik. Im Mai 2025 kündigte Merz während eines Besuchs in Kiew an, dass Deutschland keine detaillierten Listen der an die Ukraine gelieferten Waffen mehr veröffentlichen werde. Waren die auf der Regierungswebsite aktualisierten Listen der Systeme zu Zeiten von Scholz noch ein Instrument der Innenpolitik und der Demonstration des eigenen Beitrags, so ist das neue Kabinett zu einem Konzept der „strategischen Mehrdeutigkeit“ übergegangen.
Laut Regierungsquellen, auf die sich die Medien berufen, besteht das Ziel dieser Änderung darin, Russland die Einschätzung der tatsächlichen Fähigkeiten der ukrainischen Streitkräfte zu erschweren sowie den politischen Wirbel um jede einzelne Entscheidung bezüglich der Lieferungen zu verringern. Merz selbst formulierte es so: Diskussionen über „Kaliber und Systemtypen“ sollen aus der Öffentlichkeit herausgehalten werden, doch der Umfang der Unterstützung für die Ukraine seitens Berlins werde nicht abnehmen.
Tatsächlich bedeutet dies, dass die deutsche Hilfe für die Ukraine zwar weiterhin umfangreich bleibt, aber weniger transparent wird, was bei einem Teil der Experten und der Öffentlichkeit Kritik hervorruft, der Regierung jedoch gleichzeitig mehr Spielraum in vertraulichen Verhandlungen mit den Verbündeten verschafft.
Ausmaß der Hilfe: Deutschland als wichtigster Rüstungslieferant
Nach Schätzungen von Forschungsinstituten und Thinktanks steht Deutschland bei der militärischen Hilfe für die Ukraine an erster Stelle unter den EU-Ländern und weltweit an zweiter Stelle hinter den USA. Stand Anfang 2026 beläuft sich die militärische Hilfe auf rund 55 Milliarden Euro (einschließlich bereits gelieferter und vertraglich vereinbarter Lieferungen), darunter Luftabwehrsysteme, Panzer, Schützenpanzer, Artillerie, Munition, Drohnen und Kommunikationsmittel.
Die gesamte Unterstützung – militärisch und zivil – beläuft sich auf fast 100 Milliarden Euro, einschließlich der Hilfe für den Energiesektor, den Wiederaufbau der Infrastruktur und die Aufnahme von über einer Million ukrainischer Flüchtlinge in Deutschland. Allein im Jahr 2025 hat Deutschland rund 9 Milliarden Euro an Militärhilfe bereitgestellt und plant, diese im Jahr 2026 auf etwa 11,5 Milliarden Euro zu erhöhen.
Im Jahr 2026 bezeichnen bereits zahlreiche Medien und ukrainische Quellen Deutschland angesichts der Kombination aus militärischer, finanzieller und politischer Unterstützung als „wichtigsten bilateralen Partner der Ukraine“.
Jüngste Entscheidungen: Luftabwehr, Drohnen und eine „neue Phase“ der Zusammenarbeit
Aktuelle Äußerungen von Merz und gemeinsame Pressekonferenzen mit Selenskyj im April 2026 skizzieren eine „neue Phase“ der deutsch-ukrainischen Zusammenarbeit. Berlin kündigt neue Hilfspakete an, deren Schwerpunkt auf Luftabwehrsystemen, Langstreckenwaffen, Drohnen und Munition sowie der digitalen Zusammenarbeit auf dem Schlachtfeld liegt – dem Austausch von Daten und Erkenntnissen sowie der Integration von Führungs- und Leitsystemen.
Hier sind zwei Punkte wichtig. Erstens geht es nicht nur um die Lieferung fertiger Systeme, sondern auch um den Aufbau von Produktionsketten in der Ukraine – von Drohnen bis hin zur Raketentechnik. Zweitens taucht in Merz’ öffentlichen Äußerungen immer häufiger die These auf, dass die Ukraine die „kampfstärkste Armee Europas“ sei, die in das europäische Sicherheitssystem integriert werden müsse, noch bevor sie formell der NATO beitritt.
Was bedeutet das für die Ukraine?
Merz’ Politik hat für die Ukraine mehrere wichtige Konsequenzen.
Mehr Spielraum für Angriffe auf die Russische Föderation. Die Aufhebung der Reichweitenbeschränkungen legitimiert formal Angriffe auf russische Militärziele tief im russischen Staatsgebiet, was den strategischen Druck auf den Kreml verstärkt.
Setzen auf den ukrainischen Rüstungskomplex. Der Verzicht auf Taurus zugunsten gemeinsamer Programme und die Betonung ukrainischer Entwicklungen bedeuten ein langfristiges Setzen auf die Ukraine als „Waffenarsenal Europas“ und nicht nur als Empfänger von Waffen.
Weniger öffentliche Transparenz – mehr Flexibilität. „Strategische Ambiguität“ schränkt die Möglichkeiten der öffentlichen Kontrolle ein, gibt der Regierung jedoch Spielraum, schneller und leiser zu handeln – was unter Kriegsbedingungen Kiew zugutekommen kann.
Zunehmende Abhängigkeit von der deutschen Politik. Je größer der Anteil der europäischen Hilfe ist, den Berlin bündelt, desto entscheidender wird die innerdeutsche Politik für die ukrainische Front.
Für Kiew birgt dies sowohl Chancen als auch Risiken: Einerseits entwickelt sich Deutschland zu einem Schlüsselpartner bei der Modernisierung der Armee, andererseits kann jede politische Kursänderung in Berlin unverhältnismäßige Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte haben.
Fazit
Friedrich Merz kam als Kritiker von Scholz’ „vorsichtigem“ Kurs in Bezug auf Waffenlieferungen an die Ukraine an die Macht, hat aber letztlich ein komplexeres System aufgebaut: weniger symbolische Entscheidungen, mehr strukturelle Veränderungen. Statt einer einzigen Taurus-Rakete – eine Strategie zur Aufhebung der Reichweitenbeschränkungen, statt einmaliger Lieferpakete – mehrjährige Programme zur gemeinsamen Produktion in der Ukraine, statt öffentlicher Waffenlisten – ein geschlossener, aber umfangreicher Lieferkanal.
Für die Ukraine bedeutet dies, dass der „deutsche Faktor“ im Krieg noch an Bedeutung gewonnen hat: Berlin liefert nicht nur Waffen, sondern hilft dabei, diese vor Ort herzustellen, und schafft einen Rahmen, in dem Kiew zunehmend zu einem unverzichtbaren Bestandteil des europäischen Sicherheitssystems wird.